Alltag & Familie

# Juli

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Die ersten Wochen im neuen Zuhause

Wenn ich heute an unsere Anreise zurückdenke, fühlt sie sich schon erstaunlich weit weg an. Die letzten Wochen vor der Abreise sind an mir vorbeigeflogen und auch unser Start hier war alles andere als so, wie wir ihn uns vorgestellt hatten: Wir sind komplett krank in unser Schweden-Abenteuer gestartet.

Und irgendwie ist es schön, wie schnell solche negativen Momente verblassen. An die anstrengende Anreise denke ich kaum noch zurück. Viel mehr an einen herzlichen Empfang und dieses Gefühl „endlich sind wir da“.

Seitdem fühlt sich unser Leben ein bisschen wie Urlaub an.

Die Kinder haben Ferien. Manu arbeitet zwar schon seit der zweiten Woche wieder, aber trotzdem leben wir gerade noch ziemlich in den Tag hinein. Wir (also vor allem ich) erkunden die Gegend, wir sind täglich am Meer, an „unserem“ Strand und sind fasziniert wie es täglich anders aussieht. Mal ganz ruhig, glitzernd von der Sonne, mal stürmisch, wellenbrechend und ein andermal glasklar, dass man bis zum Grund sehen kann.

Jakob liebt das Meer sehr. Wind, Wellen, kühleres Wasser, völlig egal. Gemeinsam mit Manu springt er bei eigentlich jedem Wetter hinein.

Ich genieße das Meer durchaus auch, aber eher aus sicherer Entfernung. Ich fotografiere, plaudere mit den beiden vom Ufer aus, stecke vielleicht mal die Füße hinein und beobachte lieber von außen, was da so alles kreucht und fleucht. Algen, Krebse und andere Meeresbewohner muss ich nicht unbedingt persönlich kennenlernen. (Aber natürlich war ich auch schon im Meer baden… 2-3 bestimmt schon 😉 )

Das Land, die Menschen, die Sprache, die kleinen Orte, unseren neuen Alltag, all das galt es in den letzten Wochen zu erkunden. Die Kinder sind da teilweise noch etwas zurückhaltender. Und ich merke immer wieder: Für uns Erwachsene fühlt es sich an wie ein großes Abenteuer. Für die Kinder ist es gleichzeitig auch ein großes Fragezeichen.

Denn bei all den schönen Bildern, die ich hier teile, bei all dem Meer, der Weite, den Badeplätzen und den kleinen Schwedenmomenten, gibt es eben auch eine andere Seite. Schweden ist nicht nur Zimtschnecke, Fika und Bullerbü. (Aber schon auch 😉 )

Wir wohnen hier. (Auch wenn ich das wirklich immer noch nicht ganz glauben kann). Und das macht einen Unterschied.

Wir sind in einem fremden Land angekommen, kennen hier kaum jemanden und müssen uns unseren Alltag erst einmal aufbauen. Und obwohl ich eigentlich ein sehr kontaktfreudiger Mensch sein kann, merke ich gerade, dass ich doch ziemlich schüchtern bin. Vielleicht sieht man mir das von außen nicht unbedingt an, aber es kostet mich immer wieder Überwindung, auf fremde Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen und vor allem Schwedisch zu sprechen.
Und jedes Mal, wenn ich etwas auf Schwedisch bestelle, einen Brief aufgebe oder irgendeine kleine Alltagssituation meistere, bin ich danach ein bisschen stolz auf mich (und fix und fertig). Gleichzeitig verstehe ich tatsächlich noch erstaunlich wenig. Spätestens nach dem dritten Satz muss ich meistens freundlich fragen, ob wir vielleicht doch auf Englisch weiterreden können.

Auch die schwedische Bürokratie hat uns inzwischen im echten Alltag begrüßt. Anfangs dachte ich noch, das mit der Personennummer oder Koordinationsnummer würde sich schon irgendwie unkompliziert lösen. Inzwischen wissen wir: So schnell geht es dann doch nicht. Wir warten noch auf Manus schwedischen Arbeitsvertrag, bevor wir die Personennummer beantragen können. Für die Kinder brauchen wir aber schon jetzt eine Nummer, unter anderem für die Schule. Also haben wir zunächst eine Koordinationsnummer beantragt.Es ist eben nicht alles einfach.

Und gerade mit Kindern ist dieses Ankommen noch einmal eine ganz andere Herausforderung.Wir sind mitten in den Sommerferien – und alle Eltern wissen vermutlich, was das spätestens nach der dritten oder vierten Ferienwoche bedeutet: Es ist schön. Aber es ist auch anstrengend.

Und hier sind wir nicht nur im Urlaub. Wir wohnen hier. Fernab von Familie und Freunden.

Wir müssen auffangen, wenn die Kinder Heimweh haben oder unsicher sind. Wir müssen ihnen Sicherheit geben, obwohl wir selbst noch gar nicht wissen, was auf uns zukommt. Gleichzeitig versuche ich, Vereine und neue Aktivitäten zu organisieren, damit sie Kontakte finden und sich hier wohlfühlen.

Und irgendwo dazwischen muss ich selbst noch herausfinden, wie ich eigentlich ankomme.Das ist ein Kraftakt, den man auf Instagram oder im WhatsApp Status vermutlich nicht sieht. Und das muss man auch nicht sehen. Und auch die Kinder müssen nicht wissen, dass ich manchmal selbst nicht weiß, wie alles so funktioniert. Also vieles nach dem Motto „selbstsicheres Auftretetn bei völliger Ahnungslosigkeit“. Klappt erstaunlich gut 🙂

Denn gleichzeitig gibt es hier so unglaublich viel, das mir guttut.

Diese Weite. Die Ruhe. Der Wind. Das Meer direkt vor der Nase. Unser Blick vom Balkon über das Feld.

Ich habe angefangen, morgens ganz bewusst still in den Tag zu starten. Ich sitze draußen, ohne Handy, ohne To-do-Liste, ohne irgendetwas leisten zu müssen. Einfach ein paar Minuten Ruhe. Abgeben, was ich eh nicht ändern kann und Kraft- und Auftanken für den Tag.

Und vielleicht ist genau das eines der Dinge, die ich aus diesem Jahr mitnehmen möchte: wieder mehr bei mir selbst anzukommen, mich neu ausrichten, mich auf das konzentrieren was wirklich wichtig ist.
Wie das aussehen kann. Weiß ich noch nicht ganz, ihr wisst schon – „selbsticheres Auftreten….“

Denn ganz ehrlich, ein bisschen Struktur fehlt mir hier schon noch. Ich liebe Struktur. Und ohne Struktur bin ich erstaunlich schnell verloren.

Natürlich habe ich Projekte. Ich bin viel im Garten, pflanze, werkle, räume… Und trotzdem erwische ich mich immer wieder auf der Couch, Handy in der Hand, beim sinnlosen Scrollen. Einfach, weil plötzlich Zeit da ist. Und obwohl ich eigentlich weiß, dass mir das überhaupt nicht guttut, mache ich es trotzdem.

Vielleicht gehört auch das zum Ankommen. Nicht sofort jeden freien Moment „perfekt“ nutzen zu müssen. Und vielleicht brauche ich nach den vergangenen Monaten, in denen alles so voll, eng getaktet und mental ziemlich overloaded war, genau das gerade auch ein bisschen.

Zeit. Leere. Nichts müssen.

Unser Besuch aus Deutschland hat mir allerdings noch einmal sehr deutlich gezeigt, was mir gerade fehlt: Menschen, bei denen ich einfach sein kann.

Freunde, die vor der Tür stehen und sagen: „Komm, wir trinken schnell einen Kaffee.“ Menschen, bei denen ich mich nicht erklären muss. Kein Smalltalk. Keine neue Sprache. Kein Überlegen, ob ich gerade etwas falsch verstanden habe. Einfach Menschen, die mich kennen. Das fehlt mir. Noch ist es okay.

Vielleicht auch, weil ich vor dieser Reise selbst so unglaublich voll war. So angespannt. So viele Dinge im Kopf, so viel Organisation, so viel Abschied und gleichzeitig Vorfreude.

Jetzt darf es erst einmal etwas ruhiger sein. Und trotzdem bin ich gespannt, wann aus dieser Ruhe langsam Alltag wird. Wann aus „wir sind die Neuen“ ein Gefühl von Zuhause wird. Wann wir Menschen kennenlernen, mit denen wir uns auch mal spontan auf einen Kaffee treffen. Wann die Kinder ihre eigenen Kontakte haben. Wann Schwedisch nicht mehr jedes Mal ein kleines Abenteuer ist. Und wann ich irgendwann nicht mehr nach drei Sätzen auf Englisch wechseln muss.

Ich glaube, genau das ist es, was ich nach diesen ersten Wochen sagen kann:

Es ist wunderschön hier. Und es ist anstrengend.

Beides stimmt.

Wir haben so viele großartige Momente. Wir lachen, entdecken, baden, essen Zimtschnecken, genießen die Weite und freuen uns jeden Tag darüber, dass wir diesen Schritt tatsächlich gemacht haben.

Aber wir sind eben auch müde. Manchmal überfordert. Manchmal unsicher. Manchmal ein bisschen einsam.

Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Zusammenfassung unseres ersten Monats:

Wir sind noch lange nicht angekommen. Aber wir sind angekommen. Und jetzt bin ich einfach gespannt, was die nächsten Wochen mit uns machen.

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